Meet the experts – Umgang mit COVID-19 in unserem veränderten Klinik- und Praxisalltag

Vier erfahrene und engagierte medizinische Fachassistentinnen berichteten beim Gastrodialog MFA 2020 aus dem medizinischen Alltag der letzten Monate: Was waren die größten Herausforderungen, wie ging es den Praxis- und Klinikteams mit der neuen Situation – und wie den Patienten?

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Ein telemedizinisches Angebot (Video- und Telefonsprechstunde) wurde über alle Praxen und Kliniken eingeführt und von den Patienten gut angenommen

  • COVID-19 hat den ohnehin notwendigen Digitalisierungsprozess stark beschleunigt

  • Eine gute Versorgung und Patientenzufriedenheit braucht starken Team-Zusammenhalt und eine hohe Fachkompetenz in der Assistenz

  • Bisher existiert leider keine Alternativlösung für die Durchführung elektiver Termine wie Endoskopien oder geplante Operationen in Phasen hoher Fallzahlen

  • Viele Studien-Sponsoren haben mit Recruitment-Stops reagiert, somit entfallen neue Therapieoptionen zumindest zeitweise

  • Subkutane Darreichungsformen können Patienten ein sicheres Gefühl geben, ihre Therapie auch in Krisenzeiten erhalten zu können


Susanne Jansen (Moderation, SYSTEM DIALOG MED. AG)

Wenn Sie die letzten Monate Revue passieren lassen: was waren die größten Änderungen und Herausforderungen, die Sie seit Beginn der COVID-19-Pandemie wahrgenommen haben?

 


Inga Schubert (Praxis Dr. Axel Naumann und Dr. Christian Stolte, Grevenbroich):

In der Anfangszeit fühlten wir uns sehr hilflos, denn natürlich wollten wir unseren Patienten helfen und den Terminen treu bleiben, waren aber zum Beispiel gezwungen, die Endoskopie komplett runterzukürzen. Den Patienten gerecht werden zu können wird uns gerade ein bisschen genommen – aber wir geben unser Bestes!

Karin Menzel (Medizinisches Versorgungszentrum Münster/Werne):

Neben der Einführung einer Videosprechstunde haben wir die Infusionsplätze angepasst und von einem auf drei Räume aufgeteilt. Die Reaktionen der Patienten darauf sind geteilt: Manche genießen, nun einen Rückzugsraum zu haben und alleine im Infusionsraum entspannen zu können, einigen fehlt aber auch der nette Austausch. Die Videosprechstunde wird sehr gut angenommen. Teils, weil viele unserer Patienten als Risikogruppe versuchen, Kontakte zu vermeiden, aber auch wegen der oft sehr langen Anfahrtswege.

Simone Breiteneicher (Klinikum der Universität München – Campus Großhadern – Medizinische Klinik und Poliklinik II, München):

Bei uns hat die Ausrufung des Notstandes dazu geführt, dass alle elektiven Termine abgesagt oder verschoben wurden. Für gewöhnlich arbeiten wir an zwei Standorten: in der Innenstadt und in Großhadern. Seit Beginn der Pandemie haben wir alles auf den Campus in Großhadern gelegt und mussten relativ schnell ein Konzept entwickeln, wie wir eine deutlich höhere Zahl an Infusionspatienten unterbringen.

Bianca Deparade-Berger (Krankenhaus Waldfriede, Berlin):

In unserer Ambulanz sehen wir häufig Patienten mit sehr schweren Verläufen, denen wir mit der Teilnahme an Studien oft eine zusätzliche Option anbieten konnten. Viele Sponsoren haben jedoch sofort mit einem Recruitment-Stopp reagiert, was für unsere Patienten desaströs war. Den Updates der Sponsoren zu ihren laufenden Studien zu folgen hat zudem eine hohe organisatorische Leistung gefordert. Nichtsdestotrotz hat das alles aber auch Positives gebracht: gerade haben wir eine größere Spannbreite bei Visitenzeitfenstern, die sonst immer sehr streng einzuhalten sind, außerdem durften virtuelle Visiten durchgeführt und Studienmedikation per Post zu den Patienten geschickt werden.


An diese Steilvorlage, dass einige der Veränderungen durchaus positiv sein können, würde ich gern mit der gesamten Runde noch einmal anknüpfen. Was sind denn Punkte, die Sie gern nach dieser Pandemie beibehalten würden?


Simone Breiteneicher:

Da gibt es eigentlich relativ viel, aber ganz weit oben auf der Liste steht das schnelle Zusammenwachsen des Teams. Das hat einfach noch einmal ganz klar gezeigt: Wenn es ernst wird, können wir uns aufeinander verlassen und finden immer eine gute Lösung miteinander.

Karin Menzel (Medizinisches Versorgungszentrum Münster/Werne):

Neben der Einführung einer Videosprechstunde haben wir die Infusionsplätze angepasst und von einem auf drei Räume aufgeteilt. Die Reaktionen der Patienten darauf sind geteilt: Manche genießen, nun einen Rückzugsraum zu haben und alleine im Infusionsraum entspannen zu können, einigen fehlt aber auch der nette Austausch. Die Videosprechstunde wird sehr gut angenommen. Teils, weil viele unserer Patienten als Risikogruppe versuchen, Kontakte zu vermeiden, aber auch wegen der oft sehr langen Anfahrtswege.

Inga Schubert:

Dr. Naumann ist mit viel Spaß in der Telemedizin aktiv und unseren Patienten sind mit dem Angebot der Videosprechstunde sehr zufrieden. Auch bei älteren Patienten, denen man so einen souveränen Umgang mit den digitalen Medien vielleicht gar nicht zugetraut hätte, klappt das erstaunlich gut. Im Moment arbeiten wir zudem an einer Lösung für die Digitalisierung von Anamnesebögen, sodass unsere Patienten diese vorab zu Hause ausfüllen und verschicken können.

Karin Menzel:

Auch für uns wird die Telemedizin der Aspekt sein, der unabhängig von COVID-19, weiter ausgebaut wird. Die Nutzung von Heimtests, wie zum Beispiel für Calprotectin, sehe ich in diesem Rahmen ebenso als vorteilhaft. Und, dass uns inzwischen zwei Wirkstoffe in subkutaner Darreichungsform zur Verfügung stehen. Damit konnten wir den Patienten die Sicherheit geben, dass sie ihre Therapie auch in Krisenzeiten erhalten werden.

Bianca Deparade-Berger:

Diese Zeit hat uns besonders stark gezeigt, dass die Menschen, die Anrufe oder e-Mails beantworten fachkompetent sein müssen, um unsere Patienten gut durch diese Krise und die daraus entstehenden, individuellen Probleme begleiten zu können. Und natürlich schließe ich mich in puncto Telemedizin den Kolleginnen an.

Susanne Jansen:

Sie selbst mussten ja alle ganz viel Engagement an den Tag legen, den Praxis-und Klinikalltag umzukrempeln, Termine abzusagen und Patienten neu abzuholen. Welche Rückmeldungen kamen diesbezüglich von den Patienten und wie haben Sie in den letzten Monaten für sich im Team gesorgt?

Karin Menzel:

Ich hatte das Glück, dass zwei meiner Kolleginnen ebenfalls in die Betreuung von CED-Patienten bzw. Infusionspatienten eingearbeitet wurden und dass diese Arbeit nun auf mehreren Schultern ruht. Auch dass zwei meiner Kolleginnen heute bei dieser Veranstaltung teilgenommen haben zeigt mir, dass unsere Chefs gutheißen, dass wir Fachkräfte spezialisiert weitergebildet werden.

Simone Breiteneicher:

Für unsere Patienten war eine gute Erreichbarkeit bei Fragen und Nöten wichtig. Das haben wir geschafft und hierfür kam eine sehr große Dankbarkeit zurück, was uns in manchen Momenten stark berührt hat.

Inga Schubert:

Von einigen Patienten bekommen wir Blumen oder Schokolade, weil sie toll finden, dass wir so gut durchhalten. Leider merkt man in dieser zweiten Welle aber auch, dass das Verständnis bei manchen nachlässt und die Patienten teilweise aggressiver und nicht mehr ganz so freundlich auf Terminabsagen reagieren. Ich hoffe, das ändert sich wieder, weil wir im Moment alle aufeinander achten müssen, damit keiner in Gefahr gerät…

Bianca Deparade-Berger:

Für mich ist der Oberbegriff Vertrauen – Vertrauen, das uns die Patienten entgegengebracht haben. Grade im Klinikalltag, wenn Angehörige nicht mehr zu Besuch kommen durften. Ich kann abschließend nur allen Kolleginnen zustimmen: Diese besondere Situation können wir ausschließlich als Team gut überstehen, wenn wir uns gegenseitig gute Laune machen. Mit Kuchen, Schokolade und anderen wunderschönen Dingen.


Susanne Jansen:

Das ist doch ein wunderbares Schlusswort. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen vieren für den Tag heute und die großartige Begleitung und Organisation bis hierhin!